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Anti-Ageing: Was haben eigentlich alle gegen das Altern? Ein Plädoyer für weniger "ANTI" vor dem "AGE"

von

Wenn man der Beauty-Industrie glaubt, ist das Älterwerden eine einzige Katastrophe. Es ist Zeit, das zu ändern. Ein Plädoyer für weniger ANTI vor dem AGE.

Ageismus Altersdiskriminierung

PflegeLucie Knapp (Wienerin)

Unter den Mikroskopen der Hautexperten spielen sich wahre Dramen ab: Zellen brechen zusammen, Furchen graben sich in die erschlaffende Haut, frau ist dem Verfall ausgeliefert. Wir können versuchen, dagegen anzucremen, doch der eigentliche Schaden passiert in unseren Köpfen: Laut den Ergebnissen eines groß angelegten Tests (hier machen!)  zu unbewussten Vorurteilen haben die meisten von uns ein negatives Bild vom Altern. Und da wir an unsere eigenen Vorurteile glauben, tendieren wir auch dazu, sie zu erfüllen. Wer also Alte für senil und garstig hält, wird wahrscheinlich selbst im Alter senil und garstig.

In Anbetracht dessen sind die dramatischen Szenen der Anti-Aging-Werbungen nicht besonders hilfreich. Viel zu selten sind unretuschierte Beauty-Fotografien von Frauen über 35 zu sehen, wie die Bilder des aktuellen Pirelli-Kalenders, die diesen Artikel begleiten. Motivforscherin Helene Karmasin (karmasin-bi.at) über fehlende Vorbilder und eine Einstellung zum Alter, die uns alt aussehen lässt.

 

 

Warum haben wir ein so negatives Bild vom Altern?

Helene Karmasin: Ageismus oder Altersdiskriminierung ist ein Problem unserer Gesellschaft. Wir werden gleichzeitig älter und jünger -leben immer länger, wollen dabei aber nicht alt werden. Es gab sicher Kulturen, die das Alter wunderbar fanden und ihm Respekt entgegenbrachten, im Hier und Jetzt ist das nicht der Fall.

Warum ist das so?

Die Gesellschaft formt die Psyche der Menschen und akzentuiert die Werte, die sie zum Funktionieren braucht. Jugend, die für Aufbruch, Hoffnung und Leistungsfähigkeit steht, ist ein zentraler Wert für uns.

Wie zeigt sich das im Alltag?

Wir akzeptieren kein Zeichen des Verfalls. Unsere Maxime lautet: Nie alt, nie krank, nie müde. Wir müssen den perfekten Körper haben, gleichzeitig schön und gesund. Den hat man eben nur, wenn man jung ist oder sehr daran arbeitet, also extrem diszipliniert ist, immer darauf achtet, was man isst, sich bewegt -eine ganze Latte, die immer wiederholt wird.

Was haben die Werte mit dem Körper zu tun? Disziplin ist ja nicht unbedingt ein Merkmal der Jugend...

Jede Kultur hat ihr eigenes Körperkonzept, das viel über die geltenden Regeln und Ideale erzählt. Disziplin ist auch so ein Wert, den unser System braucht. Es braucht Menschen, die sagen: Wir strengen uns an, wir kämpfen. Dieser gesellschaftliche Anspruch verbindet sich mit dem individuellen Wunsch, lange jung und gesund zu bleiben. Der Wunsch nach ewiger Jugend ist ja uralt, denken Sie an den Jungbrunnen oder die abstrusen Schönheitsmittel, die es zu allen Zeiten gab.

Woher kommt der Wunsch?

Teilweise ist es die Angst vor dem Tod, das Nicht-sterben-Wollen. Alterserscheinungen sind ja eigentlich Zeichen des Todes, des Verfalls. Man weiß, am Ende löst sich das Ding auf. Damit wollen wir uns am liebsten gar nicht beschäftigen.

Warum sind gerade Frauen so vom Schönheitskult gefordert?

Jugend und Schönheit gelten immer noch als das Kapital der Frauen. Männliche Körper altern zwar auch, aber man sagt: Okay, das kann man durch Macht oder was auch immer kompensieren. Aber bei weiblichen Körpern sind wir unerbittlich. Sehen Sie sich die Reaktionen auf Madonna an: Sie ist 60 und hat einen Körper, den sich manche 30-Jährigen wünschen, aber sobald sie zu viel Haut zeigt, brechen Entrüstungsstürme los: Das geht doch nicht, sie ist doch eine alte Frau! Das ist brutal.

Das erzeugt natürlich Druck...

Am Markt verbindet sich das zu einer mächtigen Industrie, die den gesamten Gesundheits-und Kosmetikmarkt umfasst. Da trifft ein ganz starker gesellschaftlicher Zwang auf die individuellen Wünsche, mit Maßstäben, die immer wieder verfeinert werden. Wenn Sie heute ein Fernsehballett der 1960er-Jahre sehen, würden Sie sagen: Mädels, macht schleunigst 'ne Cellulitiskur -das ist ja grauenhaft, was ihr für Oberschenkel habt. Die Niveaus werden immer wieder angezogen. So kann man gut Produkte verkaufen. Bei einer Untersuchung zur Entwicklung einer neuen Nachtcreme erzählten einige Frauen, wie dramatisch es war, mit 40 die ersten Krähenfüße zu entdecken -für sie der Anfang vom Ende. Damit spielt die ganze Industrie.

Und das funktioniert über Marketing und Werbung?

Über das gesamte System. Wenn Sie wegen einer Falte in Tränen ausbrechen, ist das nicht nur eine Sache der Werbung. Da wirken sehr viele Einflüsse zusammen: Erziehung, Eltern, Peergroup,... Bewusst kann man das überhaupt nicht formen.

Viele Anti-Aging-Werbungen werten das Altern ab. Gibt es Versuche, das positiv zu formulieren?

Natürlich, man ringt darum, ist aber noch auf keinen grünen Zweig gekommen. Niemand will einen Seniorenknabbermix kaufen oder ein Silver Ager sein. Man schafft es nicht mal, die Leute zu klassifizieren und erfolgreich anzusprechen, weil unsere Sprache keine Kategorien bietet.

Warum denn das?

Wir haben ja unglaublich viel Zeit dazugewonnen. Nur hat sich noch niemand wirklich Gedanken gemacht, wie wir die Zeit gut nutzen können. Gleichzeitig schätzen wir die Erfahrung des Alters nicht und fangen lieber immer wieder von vorne an, als diese Ressource zu nutzen.

Es gibt aber sicher einen positiven Ausblick, oder?

Wir haben ja zunehmend ältere Gruppen, die gesünder und fitter sind als je eine Generation davor. Die sollten sich bewusst werden, dass sie für die Gesellschaft einen hohen Wert haben, wie die alten Weisen in Stammesgesellschaften. Ja, man müsste die älteren Gruppen dazu animieren, Role Models zu entwickeln.

Gibt es zu wenige?

Es gibt kaum visuelle Vorbilder für gutes Altern; nur ein paar Stars, denken Sie etwa an Frauen wie Helen Mirren, Meryl Streep und Iris Berben. Die machen das toll, aber vor allem im Alltag gibt es zu wenige, die vorleben: Okay, ich habe zwar ein paar Falten, aber sonst ist alles prima.

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