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Kriegsbemalung mit Lippenstift geschrieben

Make UpLucie Knapp(Wienerin)

Warum soll das "Frauenhobby" Make-up lächerlicher sein als das "Männerhobby" Auto?

Die Kritik an der Schönheitsindustrie ist durchaus verständlich. Aber der raue Wind weht ja auch aus einer anderen Richtung – aus der frauenfeindlichen. Denn wenn Make-up als wertloses, lächerliches Frauenhobby pauschal abgetan wird, stellen das natürlich auch Feministinnen infrage.
Ulrike Weish: „Es ist ein Irrglaube, dass Schönheit ein reines Frauenthema ist. Schminkende Männer gibt es seit dem Altertum, bestes Beispiel: die alten Ägypter. Make-up und Mode waren bis zur Moderne das Privileg des Adels. Egal, ob männlich oder weiblich – es wurde rasiert, geschminkt und geschmückt. Künstlichkeit galt als höchstes ästhetisches Ideal. Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Neue Körpermoden kamen auf: der starke, harte Mann, der in den Krieg zieht, und die Frau, die sich um Heim, Familie und Schönheit kümmert. Das wird uns heute als natürlich verkauft."
Man erzählt kleinen Buben, dass sich doch „nur" Mädchen schminken, und befürchtet, dass sie „schwul" werden könnten, wenn sie, wie die meisten kleinen Kinder, eine Rosa-Glitzer-Phase haben. Sitzen die erwachsenen Männer dann beim Fotografen oder vor Fernsehauftritten im Schminksessel einer Maskenbildnerin, haben sie erst mal Angst vor den magisch aufgeladenen Pinseln.

 Lippenstiftabdruck 

Make-up hat einen Mehrwert!

Dabei hat Make-up so viele Funktionen, die nichts mit gesellschaftspolitischen Themen zu tun haben. Zum Beispiel eine körperliche. Weish: „Ich denke schon, dass Schönheitsrituale uralte Reste einer archaischen Berührungskultur sind. Einander oder sich selbst zu kraulen und zu streicheln sind ganz alte Angstregulative. Berührungen beruhigen und sorgen für wohlige Gefühle – etwas, das wir heute tendenziell verlernt haben."
Oder eine rituelle Funktion: Make-up markiert innerliche Veränderungen auch äußerlich. Das macht es zum Fixbestandteil bei Bühne, Theater und Film, ist aber auch weltweit Bestandteil gesellschaftlicher Ereignisse wie Hochzeiten: Egal, ob in Afrika, Indien oder Europa, das Brautpaar wird geschmückt, frisiert und hübsch gemacht.

Make-up kann eine Kampfansage sein wie bei den Suffragetten, die mit roten Lippen durch New York zogen und gegen die rigiden Regeln des beginnenden 20. Jahrhunderts protestierten. Oder ein Akt der Befreiung, wie bei der dritten Frauenbewegung in den 1980er-Jahren, die Make-up als Symbol für selbstbestimmte Lebensfreude und Sexualität zelebrierte. Und vielleicht ist vor allem heute wichtig, dass Schminke auch ein Schutzschild gegen eine Welt sein kann, die Perfektion verlangt.

Wie es uns gefällt!

Die Visagistin Lisa Eldridge beendet ihr Buch über die Geschichte des Make-ups mit dem Satz: „Letztendlich bestärkt eine Frau nichts mehr als das Recht auf eine gute Ausbildung und die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob sie rote Lippen und Smoky Eyes trägt … oder eben nicht." Denn warum sollte das Aussehen einer Frau von irgendjemand anderem bestimmt werden als von ihr selbst? Dazu gehört auch, die eigenen Motive zu hinterfragen, unbewusste Zwänge wahrzunehmen und nicht unreflektiert in ein System einzuzahlen, das mit jahrtausendelang gepflegten Minder­wertigkeitskomplexen fette Geschäfte macht.

Es ist Ihr Körper, Ihr Gesicht und Sie machen die Regeln.

 

Die besten Make-up Zitate

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Kommentare

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1 Kommentare
Gast: ´Me
02.10.2016 10:52

In der Gesellschaft

Der Artikel spricht vieles aus, das ich im Alltag sehe. Zum Beispiel, dass es für die meisten Männer und Frauen es ganz natürlich ist, dass Frauen mehr auf Schönheit achten als Männer. Dass es Aufgabe der Frauen ist, sich schön zu machen, ist für viele ein unhinterfragtes Dogma- auch und gerade bei Frauen, die sich selbst als emanzipiert bezeichnen würden. Männer, die "zu sehr" auf ihr Aussehen achten, werden als schwul abgestempelt, und Frauen, die zu wenig auf ihr Äußeres schauen, als unappetitliche Mauerblümchen. Ist es dann wirklich noch eine freie Entscheidung, wie wir uns um unser Aussehen kümmern? Und wer ist bereit, sich hier den Konventionen zu widersetzen, um den Preis, schief angeschaut und (als Frau oder als Mann) nicht mehr ernst genommen zu werden?