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Mienenspiel: Hilft Botox gegen Depressionen?

von

Was passiert, wenn sich unsere Mimik auf unser Gefühlsleben auswirkt ...

BeautyLK(Wienerin)

 

Gefühle schreiben sich in unsere Gesichter ein und formen Lach-, Sorgen- und Zornesfalten. Soweit so klar. Doch der Prozess funktioniert auch umgekehrt: Die Mimik wirkt auf unser Gefühlsleben ...

7:30 Morgenstress

Das Kind trödelt und blödelt, der Mann macht mit und nimmt mich dabei auf die Schaufel. Ich befördere uns schimpfend und frustriert aus der Wohnung. Eine Viertelstunde später merke ich, wie ich immer noch die Mundwinkel nach unten ziehe. Laut Mimik- und Körpersprache-Expertin Patricia Staniek  das typische Mienenspiel bei Traurigkeit – die böse Mama zu spielen ist öde! Und Kummerfalten deswegen zu bekommen auch. Aber das Leben hinterlässt nun mal Spuren, oder wie es der Philosoph, Arzt und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer formulierte: „Mit 20 hat jeder das Gesicht, das Gott ihm gegeben hat, mit 40 das Gesicht, das ihm das Leben gegeben hat, und mit 60 das Gesicht, das er verdient." Das ist kein Trost, macht aber bewusst, wie sehr unser Aussehen von Faktoren geformt wird, die nichts mit Kosmetik zu tun haben – vielmehr mit dem, was wir erleben, und wie wir damit umgehen.

9:00 Pressetermin

In einem Café mit Kolleginnen und den Ladys der PR-Agentur. Ich bin spät dran und ein wenig gestresst. Jetzt sind aber erst mal Lächeln und Small Talk angesagt. Ich schraube die Mundwinkel nach oben. Patricia Staniek würde wohl sofort merken, dass ich nicht ganz entspannt bin. Als Profilerin analysiert sie Menschen über deren Mimik und Körpersprache. Die Basis für ihre Arbeit ist das Facial Action Coding System, kurz F.A.C.S., das die amerikanischen Psychologen Paul Ekman und W. V. Frisen in den 1980er-Jahren entwickelten. Patricia Staniek beschreibt: „Es gibt sieben Grundemotionen: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Sie alle haben ein mimisches Grundmuster." So zeigt sich Ärger durch zusammengezogene Brauen und aufeinandergepresste Lippen oder ein aggressives Zähnezeigen. Bei Überraschung gehen die Augenbrauen in die Höhe und die Kieferlade fällt nach unten. Freude zeigt sich als Lachen oder Lächeln. Die strahlenförmigen Fältchen rund um die Augen gelten dabei als Echtheitszertifikat. Beim falschen Lächeln bleibt diese Partie eher unbewegt. Vielleicht hätte Patricia Staniek daran meine Gemütslage erkannt. Wobei mein Lächeln inzwischen echt ist: Das Plaudern ist nett, die Stimmung gelöst.

Die Mimik-Expertin betont außerdem, dass man zwischen Fake Smile und Höflichkeitslächeln differenzieren muss. Es gibt viele Zwischentöne und individuelle Unterschiede, aber trotzdem eine große gemeinsame Basis, die wir zur nonverbalen Kommunika­tion brauchen. Staniek: „Bevor sich die Sprache entwickelte, verständigte man sich über Mimik, Gestik, Körpersprache und Laute. Das Ausdrücken und Erkennen von Ekel, Angst, Wut oder Freundlichkeit war überlebenswichtig."

10:30 Büroalltag

Ich arbeite in Eile und starre mit gerunzelten Augenbrauen auf den Bildschirm. Der Bürolärm um mich nervt. Ich ärgere mich. Noch mehr, als ich später beim Händewaschen im Spiegel sehe, dass die Falte zwischen meinen Augenbrauen immer tiefer wird. Denn natürlich hinterlässt so viel Anspannung im Gesicht Spuren. Wenn wir stark in einer Gefühlswelt gefangen sind, sieht man uns das mit der Zeit an: Lachfalten, Stirnrunzeln, hängende Mundwinkel, ein trotzig gekräuseltes Kinn. Patricia Staniek: „Sudern und Raunzen gelten ja als typisch wienerisch. Beobachten Sie mal in einem Wiener Gasthaus die Stammtischrunde. Da sehen Sie viele in der Mitte hochgezogene Augenbrauen, die eine hufeisen- oder triangelförmige Stirnfalte formen. Ein typisches Mimik-Merkmal der Trauer, zu der auch Verzweiflung, Sorgen, Dackelblick, Depression und Melancholie gehören." Trotzdem darf man nicht schubladisieren. Wir runzeln die Brauen auch, wenn wir uns konzentrieren oder die Sonne blendet.

 

„Die Muskeln kontrahieren, schicken Impulse ans Gehirn, und schon kommt das ­Gefühl dazu.“
Mimik-Expertin Patricia Staniek

13:00 Pausenlärm

Beim Mittagessen erzählt eine Kollegin: „Mein Mann hat sich so oft beschwert, dass ich zu streng schaue, dass ich mir die Zornesfalte mit Botox glätten ließ. Da fragte er: ,Warst du im Yoga? Du siehst so entspannt aus.‘ Ich darauf: ,Ich habe mir meine Stirnfalte wegspritzen lassen, du Depp! Zufrieden?‘ Danach hat er sich nie wieder aufgeregt; auch, als die Falte wieder da war." Wir lachen lang, laut und ausgiebig. Das tut gut. So gut, dass die bekannte, leider schon verstorbene deutsche Motivationstrainerin Vera Birkenbihl empfahl: „Wenn Sie sich so richtig ärgern, verziehen Sie sich in eine ruhige Ecke, wo Sie niemand sieht, nehmen Sie eine Uhr mit und lächeln Sie 60 Sekunden lang – am Stück. Dabei drückt ein Muskel auf einen Nerv, der dem Gehirn meldet: Gehirnbesitzer lacht. Das produziert daraufhin Freudenhormone und bringt sie in eine bessere Stimmung." Sie rät außerdem dazu, vorsorglich täglich zumindest fünf Minuten lang zu lächeln – in kleinen Einheiten über den Tag verteilt: „Es ist jedes Mal eine Mini-Erholung für den Organismus." Denn nicht nur die Gefühle beeinflussen die Mimik, sondern die Mimik auch unsere Gefühlslage, wie die Psychoneuro­immunologie beweist. Das geht sogar so weit, dass neuere Unter­suchungen darauf hinweisen, dass Botox­behandlungen von Sorgen- und Zornesfalten auf der Stirn gegen Depressionen helfen können.

16:30 Und Tschüss

Nach einer mühsamen Besprechung bin ich fertig für heute – mit der Arbeit und den Nerven. Beim Nach­hausefahren merke ich, wie verkrampft ich meinen Mund halte und die Lippen zusammenkneife. Gerade um Kinn und Kiefer befinden sich besonders viele – wie Patricia Staniek es ausdrückt – „komplizierte und verwobene Muskelstränge". Die Kaumuskulatur spricht genau wie die Nackenmuskulatur stark auf Stress an. „Verspannungen im Kieferbereich können sich auf den ganzen Körper auswirken und zum Beispiel zu Schulterbeschwerden führen" – die Zähne zusammenzubeißen bringt also nur bedingt etwas. Das Problem ist: Wenn man so grantig dreinschaut wie ich gerade, ist der nächste Streit schon programmiert. Viele lassen sich von der Stimmung anderer anstecken und reagieren auf deren Laune. Ein Phänomen, das ebenfalls viel mit der Mimik zu tun hat: Je nach Einfühlungsvermögen und Interesse ahmen wir Haltung und Gesichtsausdruck unseres Gegenübers minimal und oft unbewusst nach, um die Person besser einschätzen und verstehen zu können. Da reicht ein trauriger Blick, um uns auch ein bisschen traurig zu machen. Der amerikanische Psychologe Paul Ekman zeigte in einer groß angelegten Studie, dass das ­bloße Nachstellen der typischen Mimikmuster Gefühle erzeugt. Er ließ seine Probanden beispielsweise die Augenbrauen hoch- und die Mundwinkel runterziehen, sodass sie ängstlich aussahen. Er maß Herzschlag, Blutdruck sowie Körpertemperatur und fragte nach dem Befinden seiner Testpersonen. Das Ergebnis: Mit den Grimassen kamen Erinnerungen und Emotionen hoch. Expertin Staniek erklärt: „Muskelkontraktionen schicken Impulse ans Gehirn, wie zum Beispiel: ‚Achtung, da gibt es Ärger!‘ – und schon kommt das Gefühl dazu." Also versuche ich, sämtliche Gesichtsmuskeln zu entspannen. Gut, dass ich im Auto sitze und niemand sieht, wie belämmert ich aussehe …

22:00 Bettzeit

Zeit, schlafen zu gehen, aber die Gedanken kreisen und die Gesichtsmuskulatur arbeitet – immer noch! Entspannen wäre jetzt gut. Für die Seele und für die Schönheit. Glücklicherweise gibt es Techniken, die helfen, wie der Tipp von Vera Birkenbihl oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Dabei spannt man nacheinander einzelne Muskelpartien an, hält die Spannung für ein paar Sekunden und lässt wieder los. Der Prozess beruhigt, lockert und hilft dabei, emotionalen Ballast loszuwerden. Denn auch wenn manchmal alles stressig ist und die Dinge nicht so laufen, wie wir sie uns vorstellen, bestimmen wir unsere Grundstimmung selbst. Das hat vielleicht auch Albert Schweitzer mit „dem Gesicht, das man verdient" gemeint. Im Zweifelsfall scheint ein Lächeln gegen Verbitterung und chronischen Ärger zu helfen – auch, wenn es anfangs nicht ganz echt ist. :)

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