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Interview: So müssen Models hungern

von

Drei Äpfel pro Tag - Exmodel und Autorin Victoire Maçon Dauxerre erzählt über das magere Leben als gefragtes Model. Soeben erschien in Frankreich ihr Buch "Niemals dünn genug".

Exmodel und Autorin Victoire Maçon Dauxerre

BeautyDoris Barbier(Wienerin)

WIENERIN: Sie mussten vor fünf Jahren Ihre Modelkarriere beenden. Warum?

Victoire Maçon Dauxerre: Ich hatte nur noch 47 Kilo und war nach einem Selbstmordversuch lange Zeit in psychologischer Betreuung. Ich litt an Osteoporose, hatte Haarausfall und keine Regel mehr. Je dünner ich wurde, desto dicker fühlte ich mich – ein Teufelskreis.

Ihr Buch erscheint bald auch auf Deutsch im Piper Verlag. Was war der Auslöser für Sie, zu schreiben?

Es ist ein Hilferuf. Um bei den Fashionshows in Paris, Mailand oder New York dabei sein zu können, muss man in Größe 32 passen. Dabei entsprechen nur zwei Prozent aller Frauen weltweit diesen Modelmaßen. Größe 32 existiert im Einzelhandel nicht einmal! Einen untergewichtigen, also kranken Körper zum Schönheitsideal zu erheben ist kriminell.

Gibt es Ausnahmen in der Branche, Gute und Böse?

Es gibt schon „Nette", die trotz des immensen Drucks menschlich geblieben sind, aber auch sie buchen nur ganz dünne Mädchen. Größe 36 gilt in der Modeszene als Plus-­Size. In den 1980ern trugen die Models 36 bis 38. Claudia Schiffer oder Cindy Crawford hätten heute keine Chance mehr.

Frankreich hat ein Gesetz erlassen, dass nur Models mit einem gewissen BMI arbeiten dürfen. Wer zu dünne Models bucht, wird bestraft. Wie erklären Sie sich, dass die Mädchen am Laufsteg trotzdem immer dünner werden?

Als ich entdeckt wurde, wog ich 58 kg auf eine Körper­größe von 178 cm – zu dick für die Branche. Meine Agentur machte Druck. Ich hungerte mich runter, hatte bei Chanel aber trotzdem keine Chance, weil ich „zu viel Busen" hatte. Karl Lagerfeld sagt: Keiner will Frauen mit Rundungen am Catwalk sehen. Vor Kurzem traf ich Frankreichs Gesundheits- und Frauenministerin Marisol Touraine. Sie gab zu, vollkommen machtlos zu sein: Strengere Maßnahmen würden das Ende der Modebranche bedeuten und Frankreich könne sich das in Zeiten wie diesen nicht leisten. Geld regiert die Welt. Models haben nur mehr die Funktion eines Kleiderhakens.

Welche Rolle spielen die Medien? Die meisten Magazine sind spätestens im Frühjahr voll mit Diätprogrammen...

In Frankreich erkranken jedes Jahr rund 70.000 Frauen
im Alter von 15 bis 25 Jahren an Magersucht. Die Selbstmord­rate ist extrem hoch, fast alle Models haben Essstörungen. Sie essen demonstrativ vor der Kamera, um danach wieder alles zu erbrechen. Das heutige Schönheitsideal ist eine Frau, die es gar nicht gibt. Dem Unerreichbaren nachzueifern macht unglücklich. Wir sind alle nicht ganz unschuldig. Aber Urheber der Misere sind eindeutig die Modedesigner.

Was würden Sie heute einer 15-Jährigen raten, die ins Modelbusiness einsteigen will?

Mein Buch zu lesen. Sie sollte wissen, was auf sie zukommt. Das Milieu ist beinhart und profitiert davon, dass die Mädchen jung und unerfahren sind.

Was wollen Sie erreichen?

Dass die Designer echte Frauen zeigen, die gesund sind und sich in ihrer Haut wohlfühlen. Mit Busen und Po.

Haben Sie sich mit Ihrem Körper versöhnt?

Meine Essstörungen lauern trotz Psychotherapie im ­Hintergrund, vor allem in Stressperioden. Das Philosophiestudium hat mir geholfen, Abstand zu nehmen. Und die Schauspielerei gibt mir Mut und Hoffnung. In die Haut einer anderen Person zu schlüpfen ist für mich total befreiend.

  Buchcover "Niemals dünn genug"

 

Kommentare

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1 Kommentare
Gast: Michelle90210
11.05.2016 12:43

Models

Niemand zwingt die Mädels dort zu arbeiten sie hätten sich ja auch einen Bürojob suchen können, dann könnten sie auch mehr als 3 Äpfel essen. Aber auch dort lockt das Geld und die Gesundheit bleibt auf der Strecke! Alle Models schauen ja auch schon nicht mehr gesund aus. Voll arg und auf so etwas steht diese Branche.