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Fremdbetreuung: Kinder richtig eingewöhnen

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Müssen Kinder bei der Eingewöhnung in Krippe oder Kindergarten weinen? Kinderarzt und Kinderpsychotherapeut Dr. Rüdiger Posth sagt: "Nein." Im Interview mit der WIENERIN mit Kind erklärt er, warum die sanfte Ablösung so wichtig ist - und entkräftet Mythen, die Eltern in Krippen immer wieder hören.

Kind im Kindergarten

HomepageMareike Steger, Sylvia-Wasshuber-Haas(TypischIch)

Herr Dr. Posth, Sie sind Kinderarzt sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Und Sie beantworten seit vielen Jahren auf www.rund-ums-baby-de jeden Montag Morgen ab 8 Uhr Elternfragen. Immer wieder melden sich dort verzweifelte Eltern, die bei der Eingewöhnung ihrer Kinder in der Krippe Erfahrungen machen, die ihrer Intuition widersprechen. Etwa, dass Mama oder Papa auch gegen den Widerstand des Kindes weggehen sollen. Wie können Eltern dafür sorgen, dass es ihrem Kind gut geht bei der Eingewöhnung?

Je jünger ein Kind ist, desto länger dauert die Eingewöhnungsphase in eine Form der Fremdbetreuung. Je reifer das Kind, je bekannter schon die neue Umgebung ist und je einfühlsamer und zuwendungsaktiver die zukünftige Betreuerin reagiert, desto schneller und unkomplizierter gelingt die Ablösung. Die Grenze zwischen rascher und weitgehend schon selbstständiger Ablösung sowie schwieriger und noch unbedingt begleiteter liegt bei etwa drei Jahren. Das sind eigentlich Fakten, mit denen alle Eltern argumentieren können und die von keiner einigermaßen kenntnisreichen Erzieherin oder anderen pädagogischen Kraft verneint werden können. Das heißt: Alle Kinder unter drei Jahren benötigen eine begleitete Ablösung, wobei die Dauer das Kind bestimmt. Denn jedes Kind ist da ein bisschen anders unterwegs und Veranlagung und Entwicklung sind individuelle Faktoren, die nicht über einen Kamm geschoren werden können.

 

Das heißt: Starre Zeitvorgaben seitens Krippen und Kindergärten, nach wie vielen Tagen oder Trennungsversuchen ein Kind eingewöhnt sein muss, sind kontraproduktiv?

Bei der sanften Ablösung soll das Kind das Tempo der Trennung bestimmen können. Auf jeden Fall sollten alle Eltern, die ihre Kinder früh fremdbetreuen lassen - also unter drei Jahren - immer in Habachtstellung sein und sich notfalls rechtzeitig anrufen lassen, um zurückkehren zu können. Dieses Sicherheitsnetz muss sein! Es ist auch kein pädagogischer Fehler, noch einmal „zurückzurudern“, wenn einmal ein Trennungsmanöver misslingt. Zwischen ein und zwei Jahren ist eine Betreuung vormittags noch ohne Mittagsschlaf immer die bessere Variante, denn der Mittagsschlaf zusammen mit anderen Kindern ist immer eine Klippe. Einschlafbegleitung mehrerer Kinder gleichzeitig ist für eine Erzieherin auch fast ein Ding der Unmöglichkeit. Ab dem zweiten Lebensjahr muss man sowohl das Essenszeremoniell als auch den Mittagsschlaf im Ablauf genau miteinander besprechen - Stichwort "Erziehungspartnerschaft" zwischen Pädagoginnen und Eltern.

 

Mythos 1: Weinen bei der Eingewöhnung ist gut.
Ohne Tränen geht es nicht, hören viele Eltern. Und es sei gut, wenn die Kleinen den Stress mit Weinen rauslassen. Stimmt nicht, sagt Dr. Posth. "Kein Kind muss durch die Trauer mit Weinen durch, um selbstständig zu werden. Warum auch? Selbstständig werden und sich lösen ist eine Art Befreiungsakt, der glücklich macht. Die Trauer bei der Eingewöhnung ist auch keine richtige Trauer, sondern Angst und Verzweiflung durch das Gefühl, zurückgewiesen und verlassen zu werden." Erlebt ein Kind die Eingewöhnung traumatisch, reagiert es nicht immer mit Weinen beim Abgeben oder Abholen: Es gibt Kinder, die erst zuhause auffällige Verhaltensweisen zeigen, wie Schlafstörungen oder Aggression. Dabei klappt Eingewöhnung ohne Weinen, Dr. Posth hat dafür den Begriff der "sanften Ablösung" geprägt. Das Vertrauen des Kindes muss, begleitet von Mama (oder Papa) und viel Zeit, auf die Erzieherin übergehen – dann funktioniert Trennung ohne Tränen.

 

Apropos Erziehungspartnerschaft: Sanfte Ablösung, wie Sie die bestmögliche Eingewöhnung nennen, erfordert von Eltern und Erzieherinnen volles Engagement - und sehr viel Zeit!

Ja, auf die Erzieherinnen kommt durch all das natürlich eine große Aufgabe zu, die sie nur mit den nötigen Grundlagen bewältigen können. Neben den Vorgaben der OECD, die sie zu erfüllen haben, müssen sie Grundlagen der Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie haben und viel praktische Erfahrung im Umgang mit Kleinkindern. Das alles kostet natürlich viel Geld und die Ausbildungsplätze sind teilweise noch gar nicht geschaffen.

 

Ab wann sollten Kinder in den Kindergarten gehen?

Ich denke, jedes heutige Kind sollte in den Kindergarten oder die Kindertagesstätte gehen und zwar je nach Reifestand ab dem 3. Lebensjahr. Warum? Zwischen drei und vier Jahren entwickelt sich der emotionale Perspektivwechsel, und der ist entscheidend für das erste reife Sozialverhalten. Der frühkindliche Egozentrismus nimmt langsam etwas ab. Die Sprache ist jetzt reif für Dialoge und für einen ausreichenden Austausch von Informationen. Die Hochphase des Trotzes ist vorbei und die Loslösung hat in wesentlichen Teilen stattgefunden. Das alles haben die Pädagogen früher sehr genau gespürt. Heute zählt aber nicht mehr die Beobachtung der Pädagogen, sondern das Wort der Marktwirtschaftler und Finanztechnokraten. Die verstehen zwar nichts von Kindern, aber viel vom Fortbestand der sozialen Marktwirtschaft und dem Nutzen für sie. In der ganzen Debatte um Fremdbetreuung ist mir das am wichtigsten: Bei der Entscheidung, ab wann man einem Kind Fremdbetreuung zumuten kann, ist die Reifung eines Kindes weit wichtiger als seine Anpassungsfähigkeit! „Reifung statt Anpassung“ heißt es demzufolge auch in meinem neuen Buch „Gewaltfrei durch Erziehung“. Sanfte Ablösung wird oft auch noch nach dem vierten Lebensjahr in abgestufter Form nötig sein. Die Absichten der Ökonomen müssen hinten anstehen, denn es geht hier um die psychische Gesundheit unserer Kinder.

 

Mythos 2: Erste Trennungsversuche empfehlen sich schon nach einigen Tagen.
Krippen haben fixe "Fahrpläne" für die Eingewöhnung. Demnach sollen Eltern schon nach ein paar Tagen rausgehen. Ein strikter Zeitplan ist für Dr. Posth Makulatur. Entscheidend sei allein die individuelle Reife: "Je jünger ein Kind ist, desto länger dauert die Eingewöhnung – und zwar solange, wie sie das Kind braucht", sagt Dr. Posth. Sanfte Ablösung nimmt daher folgende Bedingungen zum Maßstab: "Das Kind entfernt sich freiwillig von der Mutter oder dem Vater. Es zeigt Interesse an dem, was ihm die Betreuungsperson anbietet und erkundet die Umgebung ohne Angst. Und es nimmt freiwillig mit der Betreuungsperson Kontakt auf. Erst wenn das Kind genügend Vertrauen in die neue Bezugsperson gewonnen hat und sich von ihr wickeln, füttern, herumtragen und trösten lässt, dann auch mit ihr spielt, ohne sich ständig bei der Mutter abzusichern, ist ein Trennungsversuch möglich." Manch Kind lässt sich anfangs vom neuen Geschehen ablenken, bevor es einbricht und weint. Lassen Sie Ihr Kind daher nie zu früh alleine in der Fremdbetreuung!

 

Weiter geht es mit dem Interview auf der nächsten Seite.

 

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